Reparationen jetzt! Unterstützt die Genozidgedenkveranstaltung der Nama und Ovaherero im April 2023

Im Stile eines Wörterbucheintrages:
Nomen - feminiunum - hoch aktuell
die Reparation
Reparation 
Reparation-en 
Neuverhandlungen - JETZT!

AG Restaurative Gerechtigkeit des Befreiungstheologisches Netzwerks

„Nothing about us, without us!“ Das fordern die Nachfahr*innen der Überlebenden der Völkermorde, die die Soldaten des Deutschen Kaiserreichs zwischen 1904 und 1908 im heutigen Namibia begingen. Aber die deutsche Regierung präsentierte 2021 stolz die Vereinbarung, die sie mit der Namibischen Regierung ohne Beteiligung der Repräsentierenden der Ovaherero (OTA) und Nama (NTLA) ausgehandelt hatte. Trotz Entschuldigung für den Genozid wurde er juristisch nicht anerkannt. 1,3 Millionen Euro sollen über einen Zeitraum von 30 Jahren in Form von Entwicklungshilfe ausgezahlt werden. Profitieren werden davon wohl vor allem deutsche Unternehmen.1

Am 22. April 1905 hatte Lothar von Trotha die Vernichtung der Nama befohlen, ein gutes halbes Jahr zuvor die der Ovaherero. Auf dem Land der Nama war eine Gesteinsart entdeckt worden, die den „blauen Schimmer“ hatte, der alle Diamantenfunde in Südafrika begleitet hatte. Kaiser Wilhelm II. wusste von den Funden, als er den Vernichtungsbefehl seines Generals Lothar von Trotha unterstützte. Ab 1908 sollte während der deutschen Kolonialzeit auch tatsächlich bis zu 30 % des weltweiten Diamantenangebots aus der Namib-Wüste kommen.2 Aber nicht nur das Kapital/die Herrschenden waren kolonialpolitisch engagiert: „Für den Krieg in Deutsch-Südwestafrika wurden Geld, Zigarren, Lebensmittel, Mineralwasser, Bier, Wein, Leinen, Wäsche, Wollsachen und andere „Liebesgaben“ für die Soldaten von vielen gesellschaftlichen Gruppierungen gesammelt: Turnclubs und der Vaterländische Frauenverein waren ebenso unter den Spendern zu finden wie das Rote Kreuz und Kriegervereine; Magistrate und Kirchengemeinden wie Firmen oder Einzelpersonen.“ 3

Bis heute gibt es Spuren des Genozids in Kirchen und auf Plätzen. Aber nein, es wird nicht dem antikolonialen Widerstand gedacht und dessen Akteur*innen und Opfer gewürdigt. Auf Epitaphen und anderen Kriegerdenkmälern wird den Soldaten gedacht, die Verbrechen gegen die Menschheit begingen. „Die Anbringung von Epitaphen in Kirchinnenräumen erfolgte gemäß Erlass von Kaiser Wilhelm II.“ 4 Er genehmigte im November 1909, dass Gedenktafeln nicht nur in Garnisionskirchen anzubringen seien, sondern empfahl auch den Zivilkirchen solche anzubringen. Die Kosten dafür kamen aus dem Militärhaushalt. Viele wurden inzwischen abgehangen oder kritisch kontextualisiert (z.B. Bielefelder Süsterkirche). Wir wissen aber von mindestens zwei Epitaphen, die noch immer unkommentiert und in evangelischen Kirchen hängen – trotz Protest lokaler und unserer Initiative und Kritik von Ovaherero und Nama: In der Cottbuser Oberkirche und im Hamburger Michel.5

Die Epitaphe dienten der Normalisierung von Militarisierung und Kolonialherrschaft. Dabei waren die Kirchen keineswegs passive Träger dieser staatlichen Politik. Sie waren tief verstrickt in die Verbrechen des deutschen Kaiserreichs. 2017 formulierte die EKD daher eine Schulderklärung zu den Völkermorden von 1905-1908. Vor der BRD benannt also die EKD die Verbrechen als einen Genozid. In der Schulderklärung heißt es, die EKD werde „sichtbare Zeichen der Versöhnung gegenüber den direkt vom Genozid betroffenen Gruppen“ unterstützen.6 Wir vermissen diese sichtbaren Zeichen restorativer Gerechtigkeitsarbeit der EKD. Versöhnung ohne Reparationen und Umkehr wird es nicht geben. Im Herbst 2021 schrieb der lutherische Christ und Präsident der Ovaherero Genocide Foundation, Prof. Ngondi A. Kamaṱuka, aufgrund des EKD Schuldbekenntnisses und den zwischenstaatlichen Verhandlungen, die zur Joint Declaration führten, einen offenen Brief. Er forderte die EKD dazu auf, die Reparationsforderungen der Nama und Ovaherero gegenüber dem deutschen Staat zu unterstützen und sich für Neuverhandlungen einzusetzen.7 Auch wir möchten, dass sich die EKD für eigene restorative Gerechtigkeitsarbeit (Achtung! – keine Entwicklungshilfe und keine (weiße) „Wohltätigkeit“!) und bei der Bundesregierung für Neuverhandlungen einsetzt – mit den gewählten Repräsentierenden der Überlebenden. Ihre Kritik an der Joint Declaration muss ernst genommen werden: „Nothing about us, without us!“. 

Der Vernichtungsbefehl gegen die Nama jährt sich am 22. April. Bis heute wurde er nicht offiziell zurückgenommen. An dem Wochenende vom 21.-23. April 2023 werden die Nachfahr*innen der Überlebenden des Genozids diesem auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers auf Shark Island gedenken. Dort erinnert bisher nichts an das große Verbrechen. Er ist jetzt ein Campingplatz. In einem Gottesdienst wird ein Gedenkstein aufgestellt, der an die Opfer des Genozids erinnert. Die Bundesregierung gibt dafür keinen Cent. Auch NAMDIA, die die Diamanten auf dem Land der Vorfahr*innen der Nama heute abbaut und verkauft, lehnt die Bitte der NTLA ab, das Gedenken finanziell zu unterstützen.8

Die Frage wie Deutschland mit dem Genozid umgeht, sollte die deutsche Zivilgesellschaft nicht allein der Bundesregierung und dem Kapital überlassen. Beziehungsweise die Ovaherero und Nama allein im Kampf um Reparationen lassen, statt ihren Kampf zu unterstützen. Die Forderung nach juristischer (!) Anerkennung des Völkermords, sowie Reparationen müssen immer noch erstritten werden.

Da die Zivilgesellschaft damals ebenfalls beachtlich engagiert in der Unterstützung der kolonialen Kriege und rassistischer, genozidaler Gewalt war, bedarf es gesellschaftlicher Umkehr und entschädigendem Einsatzes. Eine Möglichkeit dieser restorativen Gerechtigkeitsarbeit kann die Unterstützung des Genozidsgedenkens im April sein. Spendet also selbst oder leitet den Aufruf weiter an Freund*innen und reiche Bekannte: https://www.betterplace.org/de/projects/120771-unterstuetzen-sie-die-ovaherero-nama-genozid-gedenkveranstaltung-in-namibia. Danke.

1 https://dserver.bundestag.de/btd/20/060/2006085.pdf, S.6-7, letzter Zugriff 31.03.2023.

2 Vgl. https://time.com/6072145/namibia-germany-apology-diamonds/, letzter Zugriff 31.03.2023.

3 S. 91, Barbara Frey, „Für Kaiser und Reich“: Erinnerungsorte an westfälische Soldaten der Kaiserlichen Schutztruppe (S. 87-16), in: S. Bischoff, B. Frey, A. Neuwöhner (Hg.), Koloniale Welten in Westfalen, 2021.

4 S. 94, in: Barbara Frey, „Für Kaiser und Reich“: Erinnerungsorte an westfälische Soldaten der Kaiserlichen Schutztruppe (S. 87-16), in: S. Bischoff, B. Frey, A. Neuwöhner (Hg.), Koloniale Welten in Westfalen, 2021.

5 http://www.hamburg-postkolonial.de/PDF/OGAOpenLetter.pdf, letzter Zugriff 31.03.2023.

6 https://www.ekd.de/erklaerung_volkerrmord_deutschsuedwestafrika.html, letzter Zugriff 31.03.2023.

7 https://rassismusundkirche.de/allgemein/anything-without-us-about-us-is-against-us/, letzter Zugriff 31.03.2023.

8https://allafrica.com/stories/202303230113.html#:~:text=Namibia%3A%20Namdia%27s%20Lack%20of%20Genocide%20Remembrance%20Support%20Angers%20Traditional%20Leaders,-22%20March%202023&text=THE%20Nama%20Traditional%20Leaders%20Association,in%20the%20%7C%7CKharas%20region, letzter Zugriff 31.03.2023.

Wir freuen uns aber sehr, dass der Evangelische Kirchenkreis Berlin Süd-Ost das Gedenken mit 1000 € unterstützt.